Der Arbeitstag ist vorbei, der Computer ist aus und eigentlich könnte der Körper jetzt endlich entspannen. Trotzdem sind die Schultern noch immer hochgezogen und der Nacken bleibt angespannt. Man dreht ein wenig den Kopf, streckt sich, kreist mit den Schultern nach hinten. Im ersten Moment tut das gut, doch kurze Zeit später ist die Spannung wieder genau an derselben Stelle. Fast so, als hätte der Körper noch nicht verstanden, dass der Arbeitstag längst vorbei ist.

Nacken- und Schulterverspannungen gehören zu den Beschwerden, denen ich in meiner Shiatsu-Praxis sehr häufig begegne. Manchmal entstehen sie nach langen Tagen am Computer, manchmal in besonders anstrengenden oder stressigen Phasen – und sehr oft kommt beides zusammen.

Anstatt also nur zu versuchen, den Muskel zu entspannen, der gerade schmerzt, finde ich eine andere Frage interessant: Warum hält unser Körper manchmal weiter fest, obwohl wir eigentlich gerne loslassen würden?

Warum sammeln sich so viele Spannungen in Nacken und Schultern?

Viele Stunden vor dem Bildschirm, zu wenig Bewegung, langes Verharren in derselben Position oder immer wiederkehrende Bewegungsabläufe können Nacken und Schultern belasten. Das offizielle deutsche Gesundheitsportal gesund.bund.de nennt langes Arbeiten am Computer unter anderem als einen möglichen Faktor für Schmerzen und Steifheit im Nacken- und Schulterbereich. Bei länger anhaltenden Nackenschmerzen können auch psychische Belastungen und Stress eine Rolle spielen.

Das bedeutet natürlich nicht, dass jeder verspannte Nacken durch Stress verursacht wird. Schmerzen können viele unterschiedliche Ursachen haben, und starke, ungewöhnliche oder länger anhaltende Beschwerden sollten medizinisch abgeklärt werden.

Viele von uns kennen aber den Unterschied zwischen einem relativ ruhigen Tag, an dessen Ende sich die Schultern noch ganz gut anfühlen, und einem Tag voller Zeitdruck, aufeinanderfolgender Termine, schwieriger Gespräche oder einfach zu vieler Dinge, an die gleichzeitig gedacht werden muss. Abends hat man dann manchmal fast das Gefühl, der Kopf sei zwischen die Schultern gerutscht.

Unser körperlicher und unser emotionaler Zustand existieren eben nicht völlig unabhängig voneinander. Auch unser Körper reagiert darauf, wie wir durch unseren Alltag gehen.

Wenn Anspannung fast normal wird

Das Interessante an manchen Verspannungen ist, dass wir sie irgendwann kaum noch bemerken. Die Schultern bleiben etwas hochgezogen, der Kiefer ein wenig angespannt, die Stirn fest oder die Atmung weniger frei. Da wir trotzdem weiterarbeiten, Auto fahren, einkaufen, Nachrichten beantworten und unseren Alltag organisieren, wird dieser Zustand irgendwann beinahe selbstverständlich.

Erst wenn wir wirklich zur Ruhe kommen oder unsere Aufmerksamkeit wieder auf den Körper richten, merken wir manchmal, wie viel Spannung wir eigentlich festgehalten haben. Nach einer Shiatsu-Behandlung höre ich immer wieder den Satz: „Mir war gar nicht bewusst, wie angespannt ich eigentlich war.“

Dieser Satz ist für mich fast genauso interessant wie „Jetzt tut es weniger weh“. Denn bevor wir etwas loslassen können, müssen wir manchmal erst bemerken, dass wir überhaupt festhalten.


Und was hat unsere Atmung damit zu tun?

Unsere Atmung reagiert ständig auf das, was wir erleben. Wenn wir erschrecken, halten wir vielleicht kurz die Luft an; wenn wir unter Zeitdruck stehen oder nervös sind, kann die Atmung schneller und oberflächlicher werden. Umgekehrt reicht es manchmal schon, sich nach einem langen Tag endlich in Ruhe hinzusetzen, damit ganz von selbst ein tiefer Seufzer kommt – ohne dass wir bewusst irgendeine Atemübung machen.

Deshalb interessiert mich während einer Shiatsu-Behandlung nicht nur die Stelle, die sich unter meinen Händen angespannt anfühlt. Ich achte auch auf die Atmung: Wie bewegt sich der Brustkorb? Bewegt sich der Bauch mit? Und vor allem: Verändert sich im Laufe der Behandlung etwas? Manchmal wird der Atem irgendwann von selbst tiefer oder ein langer Seufzer entsteht, ohne dass ich dazu irgendeine Anweisung gegeben habe.

Diese Verbindung zwischen Atmung, Anspannung und Loslassen führt sehr natürlich zu einer anderen Sichtweise auf den Körper, die in meiner Arbeit ebenfalls eine Rolle spielt: der Traditionellen Chinesischen Medizin.

Herbst und Metall-Element: Atmen und Loslassen

In der Traditionellen Chinesischen Medizin werden die Jahreszeiten den fünf Wandlungsphasen zugeordnet, die häufig auch als fünf Elemente bezeichnet werden. Der Herbst gehört zum Element Metall, dem traditionell die Funktionskreise Lunge und Dickdarm zugeordnet werden.

Dabei ist wichtig zu verstehen, was damit gemeint ist. Wenn in der chinesischen Medizin von Lunge oder Dickdarm gesprochen wird, geht es nicht ausschließlich um die anatomischen Organe, wie wir sie aus der westlichen Medizin kennen. Gemeint sind traditionelle Funktionszusammenhänge und Zuordnungen. Es handelt sich also nicht um eine naturwissenschaftliche Erklärung unserer Organfunktionen, sondern um eine andere Art, den Körper und seine Zusammenhänge zu betrachten.

In dieser Vorstellung vom Metall gibt es ein Bild, das ich besonders schön finde: aufnehmen und wieder loslassen.

Genau diese Bewegung findet mit jedem Atemzug statt. Beim Einatmen nehmen wir Luft auf, beim Ausatmen geben wir sie wieder ab. In der traditionellen chinesischen Vorstellung wird die Lunge unter anderem mit Atmung und der Aufnahme des Qi verbunden. Der Dickdarm als zugehöriger Funktionskreis steht stärker für Ausscheidung, Trennung und Loslassen.

So begegnen sich innerhalb des Metall-Elements zwei Bewegungen: das, was wir aufnehmen, und das, was wir wieder gehen lassen können.

Im Herbst bekommt dieses Bild eine besondere Bedeutung. Nach der nach außen gerichteten Energie des Sommers wird die Natur allmählich ruhiger. Die Tage werden kürzer, die Bäume verlieren ihre Blätter und geben ab, was sie nicht mehr brauchen.

Man muss daraus nicht bei jedem Jahreszeitenwechsel eine große Philosophie machen. Aber vielleicht ist der Herbst eine gute Gelegenheit, sich einmal eine ganz einfache Frage zu stellen: Was halte ich gerade eigentlich fest?

Und manchmal ist die Antwort viel körperlicher, als wir zunächst denken: die Schultern, den Kiefer, den Bauch oder ganz einfach den Atem.

Warum wird dem Metall auch die Trauer zugeordnet?

In der traditionellen Fünf-Elemente-Lehre wird dem Metall die Emotion Trauer beziehungsweise Kummer zugeordnet. Diese Vorstellung finde ich interessant, solange wir daraus keine vereinfachten Zusammenhänge wie „Lungenproblem = unterdrückte Trauer“ machen. Atemwegsbeschwerden bedeuten nicht, dass jemand eine Emotion festhält, und Trauer bedeutet selbstverständlich nicht, dass die Lunge „im Ungleichgewicht“ ist. Unser Körper und unsere Gefühle sind wesentlich komplexer.

Interessanter finde ich an dieser traditionellen Zuordnung die Idee von Trennung, Abschied und Loslassen im weiteren Sinne. Wir können von einem Menschen Abschied nehmen müssen, aber auch von einer Lebensphase, einer Beziehung, einer beruflichen Situation, einer Erwartung, einer Gewohnheit, die nicht mehr zu uns passt – oder vielleicht von der Vorstellung, immer alles schaffen und im Griff haben zu müssen.

Loslassen bedeutet dabei weder vergessen noch etwas Unangenehmes möglichst schnell verschwinden zu lassen. Manchmal beginnt es vielmehr damit, dem, was gerade da ist, überhaupt etwas Raum zu geben.

Auch Shiatsu kann einen solchen Raum bieten: einen Moment, in dem nicht alles sofort erklärt, analysiert oder gelöst werden muss.

Arbeite ich im Herbst automatisch mit Lunge und Dickdarm?

Nein, und das ist mir wichtig. Ich schaue im Oktober nicht auf den Kalender und entscheide, dass ich nun bei jedem Menschen automatisch die Lungen- und Dickdarm-Meridiane behandeln muss. Der Mensch, der vor mir liegt, ist immer wichtiger als die Jahreszeit.

Ich beobachte, höre zu und spüre, was sich während der Behandlung zeigt. Bei einem Menschen stehen vielleicht Nacken und Schultern im Vordergrund, bei einem anderen der Rücken, Müdigkeit, eine eingeschränkte Atmung oder die Schwierigkeit, selbst in Ruhephasen wirklich abzuschalten.

Die Lungen- und Dickdarm-Meridiane können dann Teil der Behandlung sein. Der Lungenmeridian verläuft unter anderem vom Brustbereich über die Innenseite des Arms bis zum Daumen. Der Dickdarmmeridian beginnt an der Hand und verläuft über Arm und Schulter weiter in Richtung Gesicht. Die Arbeit mit diesen Meridianen lässt sich daher gut mit der Behandlung von Armen, Schultern, Schultergürtel und Brustraum sowie mit der Wahrnehmung der Atmung verbinden.

Shiatsu bedeutet für mich jedoch nicht, eine Reihe von Punkten zu drücken, nur weil an einer bestimmten Stelle ein Symptom auftritt. Ich arbeite mit dem ganzen Körper und vor allem mit dem Menschen, zu dem dieser Körper gehört.

Warum nicht einfach dort behandeln, wo es wehtut?

Wenn jemand wegen Nacken- oder Schulterverspannungen zu mir kommt, verbringe ich deshalb nicht unbedingt die gesamte Behandlung am Nacken. Natürlich kann ich dort arbeiten, aber ebenso am Rücken, Becken, an den Armen und Händen oder an Beinen und Füßen.

Ich arbeite mit Druck, Dehnungen und sanften Mobilisationen und achte dabei darauf, wie der Körper reagiert. Verändert sich die Atmung? Wird eine Region weicher? Fällt eine Bewegung, die vorher eingeschränkt war, leichter? Manchmal verändert sich eine Spannung im Nacken, obwohl meine Hände gerade an einer ganz anderen Stelle arbeiten.

Genau das ist einer der Aspekte, die ich am Shiatsu besonders schätze: nicht nur auf die Stelle zu schauen, an der sich der Körper am lautesten bemerkbar macht, sondern zu versuchen, das Ganze wahrzunehmen.

Eine kleine Übung für zwischendurch

Sie müssen weder die chinesische Medizin kennen noch „richtig atmen“ können, um sich zwischendurch ein paar Sekunden Zeit zu nehmen und wahrzunehmen, was gerade passiert.

Setzen Sie sich bequem hin und lassen Sie den Atem einfach kommen und gehen, ohne ihn bewusst tiefer zu machen. Beim Ausatmen lassen Sie Ihre Schultern ein kleines Stück sinken. Ziehen oder drücken

Sie nicht und versuchen Sie vor allem nicht, besonders gut zu entspannen.

Fragen Sie sich einfach: Wo halte ich gerade noch fest?


Vielleicht passiert gar nichts Besonderes. Vielleicht kommt ein tiefer Seufzer oder Sie bemerken plötzlich, dass Sie die Zähne zusammenbeißen. Das ist völlig in Ordnung. Denn etwas Wichtiges ist bereits passiert: Sie haben es wahrgenommen.

Und wenn der Herbst auch eine Einladung wäre, ein wenig loszulassen?

Im letzten Monat ging es hier im Blog darum,

manchmal erstaunlich schnell wieder zurückkehren. Im Oktober möchte ich diesen Gedanken ein Stück weiterführen.

Denn Entspannung bedeutet nicht nur, sich hin und wieder eine Stunde Pause zu gönnen. Vielleicht beginnt sie auch damit, wieder wahrzunehmen, wo wir weiter festhalten, obwohl wir eigentlich loslassen könnten: im Nacken, in den Schultern, im Atem und manchmal auch an Dingen, die wir schon etwas zu lange mit uns herumtragen.

Der Herbst und das Metall-Element geben uns dafür ein schönes Bild: einatmen und ausatmen, aufnehmen und wieder loslassen. Ohne deshalb gleich das ganze Leben verändern zu müssen. Vielleicht beginnt es einfach damit, zu bemerken, dass auch unsere Schultern wieder sinken dürfen.

In meiner Shiatsu-Praxis in München-Lehel begleite ich unter anderem Menschen, die wegen Stress, körperlicher Anspannung sowie wiederkehrender Nacken-, Schulter- oder Rückenverspannungen zu mir kommen. Und häufig beginnt die Arbeit mit etwas viel Einfacherem, als man denkt: sich Zeit zu nehmen, wahrzunehmen, was gerade da ist, und dann zu schauen, was nach und nach wieder loslassen kann.

Vielleicht merken Sie gerade selbst, dass es Zeit wäre, Ihrem Körper wieder etwas mehr Raum zum Loslassen zu geben.

→ Shiatsu-Termin in München-Lehel vereinbaren

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Quellen: gesund.bund.de – Bundesministerium für Gesundheit „Gesunder Umgang mit digitalen Medien“